Einsam


Einsamkeit

Der Begriff Einsamkeit bezeichnet die Empfindung, von anderen Menschen getrennt und abgeschieden zu sein. Die Bewertung dieses Sachverhalts kann sehr unterschiedlich ausfallen, je nachdem, aus welchem Blickwinkel man ihn betrachtet: Während die Sozialwissenschaften in der Einsamkeit überwiegend eine Normabweichung und einen Mangel erblicken, billigen die Geisteswissenschaften der Einsamkeit auch positive Aspekte zu, im Sinne einer geistigen Erholungsstrategie, die notwendig sein kann, um die Gedanken zu ordnen oder Kreativität zu entwickeln.

Begriffsklärung

Einsamkeit im beschriebenen Sinne ist deutlich abzugrenzen von der im späten 20. Jahrhundert aufgekommenen Lebensform der freiwilligen Singles. Einsamkeit und freiwilliges Single-Dasein unterscheiden sich in (mindestens) folgenden Punkten:

Viele stellen sich unter einem „Single“ einen Menschen vor, der freiwillig in einem Ein-Personen-Haushalt lebt und sich aufgrund einer bewussten Willensentscheidung von der Gesellschaft abgrenzt. Neben diesen freiwilligen Singles gibt es aber auch unfreiwillige Singles. Diese empfinden sich oft als unfähig, befriedigende soziale Kontakte zu anderen herzustellen. Zu einem unfreiwilligen Single werden Menschen zum Beispiel nach dem Tod eines Partners oder einer Partnerin oder nachdem sie von ihm oder ihr verlassen wurden, andere schaffen es von Anfang an nicht, eine Partnerin oder einen Partner zu finden. 
Das Dasein als freiwilliger Single ist ein bewusst gewählter Lebensstil, der verschiedene Bedingungen zur Voraussetzung hat, die nur in wenigen Teilen der Welt herrschen:
  • Überdurchschnittliches Einkommen bzw. finanzielle Unabhängigkeit
  • Gesellschaftliche Strukturen, die dem Einzelnen helfen, durch institutionalisierte Dienstleistungen die Anforderungen des Alltags auch ohne Unterstützung durch Angehörige zu bewältigen
  • Gesellschaftliches Klima, in dem das Hervortreten des Einzelnen aus der Gemeinschaft honoriert wird
  • Durchlässige gesellschaftliche Strukturen, die es einem Menschen erlauben, trotz bewusster Abgrenzung gegenüber der Gemeinschaft Kontakt und Bindungen zu anderen aufzubauen
Der Aspekt des Alleinseins berührt beim freiwilligen Single einzig die Frage der privaten Haushaltsführung als Alleinstehender, während freiwillige Singles sich gleichzeitig durch eine überdurchschnittlich große Zahl sozialer Kontakte auszeichnen (die aber normalerweise keine große Intensität haben und aus Sicht des freiwilligen Singles auch gar nicht haben sollen). Der Bedeutungsgehalt des Wortes Single erscheint bei dieser Betrachtung daher beim freiwilligen Single in sein genaues Gegenteil verkehrt. Im Gegensatz dazu fehlen im Falle des Einsamen tatsächlich soziale Bindungen, oder die bestehenden Kontakte werden als nicht ausreichend dafür empfunden, das Gefühl des Alleinseins und der Abgetrenntheit von anderen aufzuheben.

Die freiwillige Abgrenzung des Single von der Gemeinschaft zielt auf einen lustbetonten Freiheitsgewinn, der sich aus der individuellen Hinwegsetzung über die aus dem Gemeinschaftsleben erwachsenden Pflichten speist und den Single in die Lage versetzt, die gesellschaftlichen Angebote zur Zerstreuung oder zum persönlichen Fortkommen ungehindert zu nutzen. Demgegenüber ist mit Einsamkeit eine grundsätzliche Abtrennung von der Gesellschaft verbunden, die dem Betroffenen sowohl negativ erscheinen kann als Unfähigkeit, sich in soziale Netzwerke einzubinden, als auch positiv als bewusste Abwendung von gesellschaftlichen Erwartungen oder Ablehnung gegenüber gesellschaftlichen Angeboten.

Ob und in welcher Form eine langfristig isolierte Lebensart möglich ist, hängt in hohem Maße von der Gesellschaft und somit auch von der Zeitepoche ab. Während in früheren Jahrhunderten die Einbindung des Einzelnen in die Gemeinschaft eine Selbstverständlichkeit war, hat sich dieser Automatismus im Zuge der Industrialisierung teilweise aufgelöst. Die Möglichkeit von Einsamkeit hat somit den Prozess der Individualisierung zur Voraussetzung, den in seiner radikalen Form allein die westlichen Industriegesellschaften durchlaufen haben (sofern man Indien und andere Länder mitzählt, in denen die asketische Form der Einsamkeit heute noch vorkommt).

Sich vollständig freiwillig von der Gesellschaft abzukapseln bzw. unfreiwillig ausgegrenzt zu werden ist in den letzten Jahren hauptsächlich in Japan zu einem weit verbreiteten Phänomen geworden, besonders unter Jugendlichen, die sich vom rigorosen Schulsystem (Wettbewerbsdruck), dem enormen Gruppenzwang und dem damit einhergehenden Mobbing überfordert fühlen. Diese Form des radikalen Abkapselns von der Gesellschaft nimmt auch in vielen anderen Ländern zu und wird entweder als eine Form der gesellschaftlichen Revolution betrachtet oder als geistige Krankheit abgewertet.



Einsamkeit als sozialpsychologische Kategorie


In der Sozialpsychologie wird Einsamkeit entweder als Synonym für soziale Isolation verwendet, oder als die Bezeichnung der subjektiven Auffassung, an einem Mangel an sozialen Kontakten zu leiden (unabhängig davon, ob ein solcher Mangel intersubjektiv nachvollziehbar ist oder nicht). In begrifflicher Hinsicht muss man vom „Einsamsein“ das häufig verwechselte „Alleinsein“ trennen – während Einsamkeit ein unangenehmes Gefühl ist (subjektive Komponente), bezieht sich „allein“ nur auf eine Zustandsbeschreibung (objektive Komponente). Dieser Zustand kann auch durchaus angenehm sein, weil der Mensch seiner Natur nach nicht nur nach sozialen Kontakten und sozialer Einbindung sucht, sondern auch nach Unabhängigkeit – „einsam“ ist dagegen ein ausschließlich negativ konnotierter Begriff. Puls (siehe Literatur), der in seiner Arbeit den Verursachungsprozess von sozialer Isolation nachzeichnet, versteht unter Einsamkeit das subjektive Innewerden sozialer Isolation. Für ihn stellen Einsamkeitsgefühle die Vorstufe zu Depression und negativen Bewältigungsstrategien wie Alkoholismus dar; zudem wirken sie in einer Rückkopplungsbeziehung verstärkend auf solche Faktoren ein, die die soziale Isolation (als Vorstufe zur Einsamkeit) weiter verfestigen.

Puls zufolge ist ein sogenanntes „interaktives Dilemma der Einsamkeit“ zu beobachten: Ob gewollt oder nicht, bilden sich unter dem Einfluss der Einsamkeit soziale Einstellungen, Verhaltensweisen und Gefühle heraus, die vom gesellschaftlichen Standard abweichen. Beim Versuch, eine Beziehung zu einem anderen Menschen aufzubauen, erweist sich dies als in doppelter Hinsicht fatal:
  • Zum einen neigen einsame Personen formal zu einem selbstbezogenen Kommunikationsstil und gehen in unzureichendem Maße auf die kommunikativen Bedürfnisse ihres Gegenübers ein.
  • Zum anderen vertreten sie inhaltlich häufig Einstellungen zum gesellschaftlichen Miteinander, die vom Standpunkt der Normalität aus betrachtet als destruktiv oder zynisch erscheinen können. Dies wiederum verhindert, dass es im Verlauf der Kommunikation zum Aufbau von Sympathie und Attraktion kommt, da die hierfür erforderliche Ähnlichkeit in zentralen Einstellungen der Kommunikationspartner nicht gegeben ist.
Seine Einsamkeit, sein „Anderssein“ oder Abgeschiedensein von anderen Menschen, im positiven Sinn zu akzeptieren – auch wenn Einsamkeit für die meisten Menschen üblicherweise schmerzhaft ist – anstatt sich ein negatives Bild des Einsam- und Anderssein einreden zu lassen, ist ein wichtiger Schritt, mit Einsamkeit und dem damit verbundenen Schmerz fertig werden zu können.

Quelle Wikipedia

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Literaturverweise

Reinhold Schwab: Einsamkeit. Grundlagen für die klinisch-psychologische Diagnostik und Intervention. Huber, Bern 1997, ISBN 978-3-4568-2862-6

Gerhard W. Lauth, Peter Viebahn: Soziale Isolierung. Ursachen und Interventionsmöglichkeiten. Psychologie-Verlags-Union, Weinheim 1987, ISBN 3-621-27034-5

Wichard Puls: Soziale Isolation und Einsamkeit. Ansätze zu einer empirisch-nomologischen Theorie. Deutscher Universitätsverlag, Wiesbaden 1989, ISBN 3-8244-4026-1

Udo Tworuschka : Die Einsamkeit. Eine religionsphänomenologische Untersuchung, Bonn 1974

Freudenthal, David: Zeichen der Einsamkeit. Sinnstiftung und Sinnverweigerung im Erzählen von Patrick Süskind. Hamburg, Kovac, 2005. Schriftenreihe Poetica, ISBN 3-8300-1729-4

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